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14 September 2011

Wimpernschlag

Während Herbst die Hauptstadt allmählich in sein Schleier hüllt, bleibt es am Glauberg noch sommerlich. Oder sagen wir: spätsommerlich. Es ist warm auf der Bonifatius-Route, die davor verläuft. In den 1990er Jahren wurde in der hügeligen Landschaft eine keltische Kultstätte aus dem fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung entdeckt. Das Grab eines Fürsten.
Der Bonifatiusweg verbindet Mainz und Fulda. So etwas wie der Jakobsweg ist er, etwas für Wanderer und Pilger. Die Route rekonstruiert den Weg, auf dem am wahrscheinlichsten der Leichnam von Bonifatius zur seiner letzten Ruhestätte getragen wurde. Eben von Mainz nach Fulda. Wer es wagt, kann etwa 180 Kilometer bewältigen.
Knapp 1300 Jahre nach dem Tod des Keltenfürsten zog die Prozession mit dem „Apostel der Deutschen" am Glauberg vorbei. Heute bin ich es. Der Kaffee im Museums-Bistro schmeckt gut nach vier Stunden Lauf mit einem Rucksack.
Die Jahreszeiten beeindruckt all das nicht. Denn ein Tag ist vor Ihm wie Tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag. 

12 September 2011

Berlin


Die langbeinigen Pappeln im Treptower Park biegen sich vor und zurück. Sie schwingen im Wind. Ihre herzförmigen, zarten Blätter spiegeln das Sonnenlicht wider. Langsam verlieren sie ihre Frische. Der grüne Farbstoff wandelt sich zu gelb. Kaum bemerkbar.
Der September hält sein Versprechen. Wie jedes Jahr.

Der Herbst hält Einzug. Den Park komponierten die Sowjets nach 1945 in ein Ehrenmal für ihre gefallenen Soldaten um. Heute herrscht dort Stille. Siegermacht oder Besatzungsmacht hin oder her. Es sind Menschen an die das Monument erinnert. Die Natur passte sich an. Sie wacht. Es weht ein slawischer Geist durch den Park. Dank den Pappeln. Ein Stück Heimat, für sie, die nicht mehr zurück in ihre Heimat zurück konnten.

Vor Kurzem fiel vom Ehrenmal ein Mensch, erzählt man sich hier. Passanten haben ihn in der Morgendämmerung liegend gefunden. Tot. Aber das ist eine andere Geschichte.

21 Juni 2007

ecce homo

Die blauen Augen unter ihren blonden Haaren schauten in die Ferne, sie war jung und dick. Sie sagte nichts, sie schaute nur.

War es die Vergangenheit oder die Zukunft, an die sie dachte? Waren es Träume und Gedanken an Liebe? Oder die Erinnerung an einen Fluch, der ihre Mundwinkel erschlaffen ließ?

In den blaugrauen Kleidern war sie eine graue Maus. Ihr Körper war groß und mächtig und die Zähne schief.


(Jesus nun ging hinaus und trug die Dornenkrone und das Purpurkleid. Und er spricht zu ihnen: Siehe, der Mensch!) Joh. 19,5

29 Mai 2007

Der Mann, der Mensch

Der Platz war menschenleer an diesem Morgen. Er stand da, an die Seitenwand des Kiosks gelehnt, die linke Hand in der Hosentasche. So stehen viele, die ähnlich wie er die Welt aus der Ferne, in die man sie verwiesen hatte und daher mit Abstand, beobachten. Ihn musste man in dieser Stadt am Fluß gekannt haben. Beachtet hatte man ihn aber dennoch nicht.

Posted by Picasa

Er hingegen nahm sie alle wahr. Er spürte jede ihrer Bewegungen. Auch jener, die in sicherer Entfernung mit dem Rad schnell an ihm vorbei huschen wollten in der Hoffnung, dass er sie nicht sehen wird. Ja, sie mieden ihn. Sein Zurufen ließ aber sie alle ohne Ausnahme unbewußt an- und innehalten.

Die raue Stimme schallte immer wieder über dem nicht allzu großen Bahnhofsvorplatz. Jedesmal, wenn er jemanden kommen sah. Ja, er hatte ihnen etwas zu sagen. Er war Mensch unter Menschen, Mitglied einer großen Familie, kein Aussätziger. Sie grüßten dann zurück und gaben ihm Floskeln zur Antwort.

Nicht Freundlichkeit, milde Gabe.

Zwischendrin lachte er auf und nahm einen Schluck aus der Bierdose, die er in seiner rechten Hand festhielt. Sein externes Gleichgewichtsorgan.

Er stand lange da und war auch zu mir freundlich.

08 Januar 2007

tram

Mit ihrer rechten Hand umfasste sie fest den Griff auf der linken Seite des Sitzes, mit ihrer linken hielt sie sich an ihrer Handtasche fest. Die Straßenbahn fuhr schnell im unebenen Gleisbett und die Fahrgäste schaukelten und schunkelten unfreiwillig hin und her im immer gleichen Takt, zur summenden Melodie der Elektromotoren.

Neben ihr saß ein Mann, ihr Mann, beide in graumelierten Mänteln der Hochbetagten. Tiefe Furchen gezeichneter Gesichter, wie die Skizze einer Landkarte, die Lebenswege in dauerhafter Erinnerung festhielt und die Augen, die starr aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Ausschnitte der Stadtlandschaft schauten, ohne sie zu sehen.

Manchmal ein Wort aus ihrem Mund, vor sich hin gesprochen, und doch für sein Ohr bestimmt, dann wieder Schweigen. Er verstand sie gut, eine Antwort war in seinem Schweigen, das sie verstand.

Man hat das Paar nicht beachtet, es gibt so viele davon: Leben, die paarweise das Leben durchwandern, schwer beladen mit unsichtbarer, hundertjähriger Erinnerung an Großeltern, Eltern, Kinder, Enkel...

Und im Mittel- und Schnittpunkt sie beide.

An der Haltestelle, an der niemand aussteigen wollte, verließen sie die Bahn und verschwanden im Dunkel des winterlichen Abends.